Wiederholung ist keine Schwäche
Warum Reproduzierbarkeit in der Webentwicklung über Kosten und Qualität entscheidet – und was Agenturen oft übersehen.
Ein neues Projekt, ein frisches Briefing und dann öffnet man die Figma-Datei der Agentur. Seite 1 hat eine großformatige Hero-Sektion mit animiertem Hintergrund. Seite 2 eine Kachel-Galerie, die es so nirgendwo sonst gibt. Seite 3 ein Akkordeon in einem Design, das keinem einzigen anderen Akkordeon auf der Website ähnelt. Und das setzt sich bis Seite 8 weiter fort.
Das Ergebnis sieht im Präsentationsmodus spektakulär aus. Der Kunde nickt begeistert. Der Entwickler öffnet die Datei und weiß: Das wird aufwendig und damit teuer.
Das Magazin-Problem
Druckmedien wie Magazine leben von Variation. Jede Doppelseite ist eine eigene gestalterische Aussage. Der Leser blättert, wird überrascht, verweilt. Das ist das Produkt. Das ist der Wert.
Das Web funktioniert anders und zwar fundamental anders. Eine Website ist kein Objekt, das einmal gedruckt wird und fertig ist. Sie ist ein lebendiges System: Inhalte ändern sich, neue Seiten kommen dazu, Redakteure pflegen Texte ohne Designkenntnisse, Komponenten werden in drei Jahren von jemandem angefasst, der heute noch gar nicht im Unternehmen arbeitet.
„Eine Website ist kein Kunstdruck. Sie ist eher wie eine Küche: Wer dort täglich kochen will, braucht Ordnung und wiederkehrende Abläufe.“
Wenn jede Seite ein eigenes Layout ist, dann ist jede Seite auch ein eigenes Entwicklungsprojekt. Wenn jede Seite ein eigenes Entwicklungsprojekt ist, dann multiplizieren sich Aufwand, Fehlerquellen und Wartungskosten mit jeder weiteren Seite.
Was Reproduzierbarkeit bedeutet
Reproduzierbarkeit bedeutet nicht Langeweile. Es bedeutet: Ein einmal entwickeltes Element kann an beliebig vielen Stellen eingesetzt werden – konsistent, wartbar, günstig.
In der Praxis läuft das auf ein Komponentensystem hinaus. Statt einer einzigartigen Teaser-Box auf Seite 4 und einer anderen einzigartigen Teaser-Box auf Seite 11 gibt es eine Teaser-Komponente, die an beiden Stellen sitzt – mit unterschiedlichem Inhalt, aber gleichem Code und gleichem Verhalten.
Das Gespräch mit dem Kunden
Das Problem liegt oft nicht beim Kunden: der sieht das fertige Design und findet es gut. Das Problem liegt im fehlenden Gespräch zwischen Agentur, Kunden und Entwicklung.
Ein einfacher Test: Wenn du ein neues Design entwickelst, zähle, wie viele einzigartige Layouts und Komponenten es enthält. Jedes Unikat ist eine Position im Entwicklungsbudget. Fünf Sonder-Layouts für fünf Seiten können schnell den Aufwand vervierfachen – verglichen mit einem System aus wiederverwendbaren Blöcken.
Das bedeutet nicht, dass ein Design uniform sein muss. Es bedeutet, dass Variation systematisch sein sollte: Das Headerbild darf sich ändern, die Farbwelt darf variieren, der Ton kann sich je nach Bereich unterscheiden. Aber das Raster, die Abstände, die Typografie-Hierarchie, die Komponentenstruktur – die sollten stabil sein.
Wie man das Gespräch führt
Konkret helfen mir in der Praxis ein paar Fragen, die ich früh in Projekte einbringe:
„Welche Seiten soll eine Redakteurin künftig selbst anlegen können?“ – Diese Frage macht sofort klar, dass Sonderlösungen für den Redakteur unsichtbar sein müssen. Was der Redakteur nicht bedienen kann, muss jedes Mal ein Entwickler anfassen.
„Was ändert sich in einem Jahr wahrscheinlich?“ – Inhalte ändern sich. Kampagnen laufen aus. Produkte kommen und gehen. Ein Design, das für heutige Inhalte maßgeschneidert ist, bricht unter neuen Inhalten auseinander. Reproduzierbare Strukturen halten das aus.
„Wie viele dieser Elemente gibt es auf der Website öfter als einmal?“ – Wenn die Antwort „keines“ ist, ist das ein Warnsignal.
Der eigentliche Mehrwert
Am Ende ist Reproduzierbarkeit kein technisches Ideal – es ist ein wirtschaftliches Argument. Eine Website, die auf einem soliden Komponentensystem aufgebaut ist, lässt sich schneller erweitern, günstiger warten und zuverlässiger testen. Fehler, die in einer Komponente behoben werden, sind überall behoben. Features, die einmal entwickelt werden, stehen überall zur Verfügung.
Gutes Webdesign ist nicht das, das im Präsentationsmodus am schönsten aussieht. Es ist das, das in fünf Jahren noch funktioniert – ohne dass jemand jedes Mal von vorne anfangen muss.
Das Ziel ist nicht, kreativen Agenturen die Freude zu nehmen. Das Ziel ist, kreative Energie dort einzusetzen, wo sie den größten Wert hat: in Tonalität, Bildsprache, Markenpersönlichkeit – nicht in zehn verschiedenen Arten, eine Teaser-Box zu bauen.
Reproduzierbarkeit ist die Grundlage, auf der gutes Design langfristig trägt.